2. „Die Menschen stärken“: zur Persönlichkeitsbildung beitragen
Der Religionsunterricht trägt vor allem auf drei Ebenen zur Persönlichkeitsbildung der Schülerinnen und Schüler bei:
- Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler verbringen erhebliche Teile ihrer Lebenszeit in der Schule. Deshalb verdient das Schulleben als gestalteter Raum und gestaltete Zeit besondere Aufmerksamkeit. Mit ihren Lerngruppen können Religionslehrerinnen und Religionslehrer dazu beitragen, dass die Schule als Lebensraum wertvoll wird (Gestaltung der Unterrichtsräume, Meditationen und Gottesdienste, Feste und Feiern, Ausstellungen und Projekte, usw.).
- Die Art und Weise, wie man miteinander spricht und arbeitet, wie Konflikte angenommen und bearbeitet werden, hat erzieherische Wirkung. Deshalb strebt der Religionsunterricht – wie andere Fächer auch – einen Umgangs- und Kommunikationsstil an, der durch Fairness und wechselseitige Anerkennung geprägt ist. Dadurch fördert er Dialog- und Teamfähigkeit sowie Empathie und Solidarität.
- Nach christlicher Auffassung zielt die Botschaft vom Reich Gottes auch auf die Umgestaltung der menschlichen Beziehungen. Ethische Traditionen des Alten und Neuen Testaments, vorbildliche Gestalten des Christentums provozieren geradezu die Frage nach dem richtigen Leben: nach einem Lebensstil, der den Schwachen zugute kommt und durch den jede und jeder erfährt, dass sie unbedingt erwünscht sind. Daher kann der Religionsunterricht den Schülerinnen und Schülern bei der Suche nach dem eigenen Lebensentwurf eine Orientierungshilfe bieten und ihre Urteils-, Kritik- und Zukunftsfähigkeit stärken.
Was das konkret heißt, wird deutlich, wenn man die Lernprozesse des Religionsunterrichts in Beziehung setzt zu den Entwicklungsaufgaben, die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums zu bestehen haben. Ihre Entwicklung lässt sich in fünf Bereichen skizzieren:
Sich selbst annehmen und eine eigene Identität finden
- ein Ich-Bewusstsein entwickeln und sich seiner Einzigartigkeit, seiner Begabungen und Interessen bewusst werden
- seine Herkunft und seine körperliche Erscheinung akzeptieren
- die eigene Sexualität bejahen, zu seiner Geschlechtsrolle finden und zu Intimität fähig werden
- sich emotional vom Elternhaus ablösen
- Ängste vermindern und Selbstvertrauen entwickeln
- die eigenen Grenzen kennen und mit Enttäuschungen und Demütigungen umgehen können
- sich ein Wertesystem aufbauen und ein eigenes Gewissen bilden
- der Frage nachgehen, was dem Leben Sinn gibt, sich mit dem Tod auseinandersetzen und eine Einstellung dazu entwickeln
Beziehungsfähig werden – Empathie entwickeln
- eine Position in der Gruppe erringen, sich in Konflikten behaupten und mit anderen Kompromisse schließen
- Freundschaft gestalten
- Möglichkeiten des Helfens und der Solidarität entdecken
- mit eigener und fremder Aggressivität umgehen lernen
- sicher und partnerschaftlich mit dem anderen Geschlecht umgehen
- akzeptieren, dass andere anders sind
Hineinwachsen in Kultur und Zivilisation
- die Zugehörigkeit zur Geschichte und kulturellen Prägung einer Familie, einer Region und eines Volkes entdecken
- die Bedeutung von Traditionen, Sitten und Gebräuchen kennen, sie kritisch prüfen und in die eigene Lebensgestaltung integrieren
- das rechte Maß in Konsum- und Mediennutzung finden
- im Dialog mit dem kulturellen Erbe den eigenen Lebensstil klären und entwickeln
- den Reichtum der eigenen Kultur schätzen und tolerant mit fremden Kulturen umgehen lernen
In Institutionen leben
- zur Gestaltung des schulischen und gesellschaftlichen Gemeinwesens beitragen
- mit Autoritäten umgehen lernen
- eigene Standpunkte und Interessen vertreten und die anderer respektieren
- die Normen des Zusammenlebens und -arbeitens beachten, kritisch prüfen und gegebenenfalls für eine Veränderung eintreten
Politisch urteilen und handeln
- die Grundlagen und Regeln der Demokratie anerkennen und sich für ihre Einhaltung einsetzen
- die Folgen des eigenen Handelns für die Gesellschaft einschätzen lernen
- Zivilcourage entwickeln, im sozialen Umfeld an Entscheidungen mitwirken und sich einmischen
- einen Weg zwischen Resignation und Fanatismus finden
- sich einsetzen für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung